Lebensraum im Kulturland ökologisch aufwerten

    Mit dem Programm Labiola fördert der Kanton Aargau die gemeinwirtschaftlichen Leistungen der Landwirtschaft im Kulturland. Verschiedene Massnahmen und Projekte im Bereich der Biodiversität und der Landschaftsqualität tragen zu einer attraktiven Landschaft und damit zu wertvollen Naherholungsräumen im Kanton Aargau bei. Markus Peter vom Departement Finanzen und Ressourcen, Landwirtschaft Aargau gibt einen Einblick in dieses Naturschutzprojekt.

    (Bilder: zVg) Markus Peter wünscht sich, dass die Bevölkerung für die Biodiversitätsleistungen der Landwirtinnen und Landwirten noch mehr sensibilisiert wird.

    «Labiola» ist ein gemeinsames Projekt von Landwirtschaft Aargau und der Abteilung Landschaft und Gewässer. Wie ist dieses Projekt entstanden und welche Bilanz können Sie ziehen?
    Markus Peter: Das Programm geht auf das Pilotprojekt «Naturgemässe Kulturlandschaft Fricktal» anfangs der 90er-Jahre zurück. Auslöser war der fortschreitende Verlust artenreicher Lebensräume in der Kulturlandschaft und die sich abzeichnende Biodiversitätskrise. Initiiert wurde das Projekt denn auch seitens der Abteilung Landschaft und Gewässer. Das Ziel bestand darin, die charakteristische Kulturlandschaft und damit die regionstypische Flora und Fauna des Fricktals zu erhalten. Von Beginn an war man sich einig, dass dieses Ziel nur zusammen mit der Landwirtschaft erreicht werden kann. Es entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit mit Landwirtschaft Aargau, die sich über die vergangenen drei Jahrzehnte sehr bewährt hat. Labiola ermöglichte später auch die koordinierte Umsetzung von den ebenfalls in den 90er-Jahren eingeführten landwirtschaftlichen Ökoprogrammen mit den bereits lancierten Naturschutzprojekten. Wichtige Erfolgsfaktoren waren sicher die gesamtbetriebliche Beratung, die freiwillige Projektbeteiligung sowie die angemessene Abgeltung der Ökoleistungen. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass Biodiversitätsfördermassnahmen dann gut und zielführend umgesetzt werden, wenn sie sich optimal in die Betriebsabläufe des Landwirts bzw. der Landwirtin integrieren lassen. 2015 wurde Labiola mit dem Bereich «Landschaftsqualität» ergänzt, um die regionale Vielfalt attraktiver Kulturlandschaften spezifisch zu fördern.

    Wie gross sind die hochwertigen Biodiversitätsflächen im Kanton Aargau und wo befinden sie sich?
    Im Kanton Aargau werden 7’935 Hektar Biodiversitätsförderflächen (BFF) nach den hohen Anforderungen des Programms Labiola gepflegt. Das sind rund 70 Prozent aller im Kanton Aargau angelegter BFF. Insgesamt werden 16 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche für die Biodiversitätsförderung verwendet. Die Labiola-BFF verteilen sich auf 174 Gemeinden mit von Labiola koordinierten kommunalen Vernetzungsprojekten. Vernetzungsprojekte sind Voraussetzung für den Abschluss einer Bewirtschaftungsvereinbarung Biodiversität. Die grösste Dichte an Labiola-BFF befindet sich im Fricktal und im Reusstal.

    Mehr als 60 Prozent der direktzahlungsberechtigten Aargauer Landwirtschaftsbetriebe beteiligen sich am Programm. Hier ein Rückzugsstreifen für Kleintiere.

    Mit dem Programm «Landwirtschaft – Biodiversität und Landschaft» (Labiola) werden gemeinwirtschaftliche Leistungen der Landwirtschaft im Kulturland gezielt gefördert. Wie funktioniert das konkret?
    Als erstes werden im Rahmen der kommunalen Vernetzungsprojekte und den regionalen Landschaftsqualitätsprojekten die Biodiversitäts- und die Landschaftsziele festgelegt. Diese stützen sich auf übergeordnete Planungsgrundlagen von Bund und Kanton und werden mit kommunalen bzw. regionalen Besonderheiten ergänzt. Zum Beispiel werden bei der Lancierung eines kommunalen Vernetzungsprojekts ökologisch prioritäre Lebensräume, Pflanzen- und Tier­arten definiert. Wir stützen uns dazu neuerdings auf die Planungsgrundlagen der kantonalen Ökologischen Infrastruktur. Bei der Ausarbeitung der Bewirtschaftungsvereinbarung Biodiversität wird dann geprüft, ob einer dieser Lebensräume oder Arten auf der Betriebsfläche des Landwirts bzw. der Landwirtin vorkommt oder eine Neuansiedlung möglich ist. Dann werden Bewirtschaftungsmassnahmen zur Erhaltung oder gezielten Förderung vereinbart. In der Diskussion mit dem Landwirt bzw. der Landwirtin wird sichergestellt, dass die erwünschte Fördermassnahme auch wirklich umgesetzt werden kann. Je nachdem muss eine alternative Lösung ausgehandelt werden, die sowohl dem Biodiversitätsziel entspricht als auch in das Betriebskonzept des Landwirts bzw. der Landwirtin passt. Die kompetente Beratung ist von zentraler Bedeutung.

    Wie ist das Echo der Landwirtinnen und Landwirte respektive wie viele beteiligen sich an Labiola?
    Aktuell haben wir 1’580 aktive Bewirtschaftungsvereinbarungen im Bereich Biodiversität und 1’510 Vereinbarungen im Bereich Landschaftsqualität. Damit beteiligen sich etwas mehr als 60 Prozent der direktzahlungsberechtigten Aargauer Landwirtschaftsbetriebe am Programm. Bei einigen haben sich die Biodiversitäts- und Landschaftsleistungen gar zu einem Betriebszweig entwickelt.

    Gelebte Biodiversität: Trespenwiese mit Orchideen.

    Ist der Kanton Aargau der erste Kanton mit einem solchen Projekt oder wie sieht es bei den anderen Kantonen aus?
    Vereinbarungen zur Erhaltung hochwertiger Naturschutzbiotope gibt es natürlich schon viel länger als Labiola, auch in anderen Kantonen. Der Kanton Aargau hat aber mit dem gesamtbetrieblichen Ansatz von Labiola, also der ökologischen Optimierung der ganzen Betriebsfläche mit einer qualifizierten Beratung, auf jeden Fall Pionierarbeit geleistet. Dass unser Ansatz nicht ganz falsch ist, zeigt sich darin, dass über die Jahre immer wieder Labiola-Bestandteile in Bundesprogramme übernommen worden sind. Der Aargau unterscheidet sich von anderen Kantonen, indem Naturschutz und Landwirtschaft die Labiola-Schirmherrschaft gleichberechtigt teilen. In anderen Kantonen ist die Biodiversitätsförderung seitens Naturschutzes und Landwirtschaft häufig strikt getrennt. Ich erlebe die enge Zusammenarbeit als zielführend. Die koordinierte Umsetzung von Ökomassnahmen wird auch von den Landwirtinnen und Landwirten geschätzt. So haben sie eine Ansprechperson und werden nicht wie in anderen Kantonen von verschiedenen Stellen – schlimmstenfalls mit gegensätzlichen Anforderungen – konfrontiert.

    Was sind bis jetzt die grössten Errungenschaften des Projektes Labiola?
    Die bedeutendste Errungenschaft erfolgte vermutlich bereits mit der Etablierung des zentralen Grundpfeilers des Programms: die Landwirtin bzw. der Landwirt optimiert die Biodiversitätsförderung auf dem Betrieb auf freiwilliger Basis, angeleitet durch eine qualifizierte Fachberatung, wobei sowohl übergeordnete Zielsetzungen als auch Standorteigenschaften und betriebliche Voraussetzungen und Präferenzen berücksichtigt werden. Meines Erachtens hat dies massgeblich zum Erfolg des Programms beigetragen. Dann möchte ich noch die Einführung des Rückzugsstreifens für Kleintiere auf den Wiesen stellvertretend für fortlaufend vorgenommene Verbesserungen erwähnen. Diese Massnahme wurde in Zusammenarbeit mit der Forschungsanstalt Agroscope und Labiola-Vertragspartnern entwickelt und wird nun schweizweit in vielen Vernetzungsprojekten umgesetzt.

    Welche Tier- und Pflanzenarten profitieren besonders von den naturnahen Labiola-Flächen im Kulturland?
    Mit den Labiola-BFF fördern wir ein breites Spektrum von Pflanzen und Tieren, indem wir ihren Lebensraum im Kulturland ökologisch aufwerten. Es reicht von Schnecken zu Tagfaltern, Heuschrecken und Wildbienen bis Amphibien, Reptilien, Säugetieren und Vögeln. Die Labiola-Erfolgskontrolle zeigt, dass die Artenvielfalt und auch die Qualitätszeiger in Gebieten mit einem hohen Anteil von Labiola-BFF deutlich höher liegt als in Gebieten mit einer kleinen Beteiligung. Ebenso wirken sich die umgesetzten Vernetzungsmassnahmen positiv auf Artenzahl und Qualität. Unsere Fördermassnahmen sind allerdings mehrheitlich auf eine breite Wirkung ausgerichtet. So nützt der Rückzugsstreifen sowohl Tagfaltern, Wildbienen als auch Heuschrecken. Indem mehrheitlich auf eine breite Wirkung gesetzt wird, werden auch eher weniger anspruchsvolle Arten gefördert. Sehr spezialisierte Arten und Arten mit einem grossräumlichen Lebensraumanspruch wie viele Vögel können mit Labiola nur Ansatzweise gefördert werden. Dort findet sich die Schnittstelle zu ganz spezifischen Artenfördermassnahmen des Programms Natur 2030 der Abteilung Landschaft und Gewässer.

    Wie profitiert die Standortqualität sowie die Wirtschaft des Kantons Aargau von Labiola?
    Mit dem Programm Labiola wird die Kulturlandschaft des Kantons Aargau massgeblich aufgewertet. Die vielfältige, strukturreiche und farbenfrohe Kulturlandschaft lädt zum Spazieren und Verweilen ein. Attraktive Wohn- und Erholungsräume sind wichtige Elemente für die Standortqualität. Labiola trägt also zur Stärkung des Wohn- und Wirtschaftsstandorts bei.

    Was sind die grossen Herausforderungen von Labiola?
    Wir stellen vermehrt fest, dass viele Landwirtschaftsbetriebe mit ihren Arbeitsressourcen am Limit laufen, sei es, weil sie sich mittels Diversifizierung absichern oder weil sie einer ergänzenden Arbeit nachgehen. Häufig ist das der Grund, wieso sie in den Labiola-Bewirtschaftungsvereinbarungen keine aufwändigen Aufwertungsmassnahmen umsetzen. Damit sind uns bei der Umsetzung ganz gezielter Biodiversitätsfördermassnahmen Grenzen gesetzt. Aber genau solche Massnahmen sind für die Förderung anspruchsvoller Arten erforderlich. Hier gilt es von der Programmleitung die richtige Balance zu finden: Die Massnahmen soweit vereinfachen, dass sie praxistauglich sind und immer noch die bezweckte ökologische Wirkung haben. Das massnahmenorientierte Förderprogramm stösst zudem aufgrund seiner Komplexität an seine Grenzen. Es ist für die Landwirtinnen und Landwirte mit einer umfangreichen Vereinbarung schon herausfordernd, den Überblick über all die vereinbarten Massnahmen zu behalten. Schliesslich seien auch die Kosten erwähnt. Unser System, mit der qualifizierten Beratung und der Vereinbarung zielgerichteter, auf die jeweiligen Verhältnisse angestimmter Objekte und Massnahmen, hat seinen Preis. Der Erfolg bei der ökologischen Wirkung gibt uns zwar Recht, trotzdem ist es für die Landwirtinnen und Landwirte schwer verständlich, dass sie mehr für den Abschluss der Vereinbarung bezahlen müssen als ihre Berufskolleginnen und -kollegen in benachbarten Kantonen, wo einfachere Systeme umgesetzt werden.

    Wie könnte das Projekt Labiola noch optimiert werden?
    Wir sind gerade daran, die Zielsetzungen unserer Vernetzungsprojekte auf die kürzlich ausgearbeitete übergeordnete «Ökologische Infrastruktur» abzustimmen. Ich erhoffe mir damit eine weitere Steigerung der Effektivität, indem wir die Labiola-BFF in den prioritären Schutz- und Vernetzungsräumen verdichten. Mit diesem Sektor übergreifenden Planungsinstrument werden die ökologischen Aufwertungsmassnahmen zudem über die Grenzen von Kulturland, Wald, Siedlung und auch im Strassen- und Bahnunterhalt besser aufeinander abgestimmt. Mittelfristig sehe ich den Übergang von der Massnahmen- zur zielorientierten Biodiversitätsförderung als wichtigen Entwicklungsschritt in unserem Programm. Indem sich die Landwirtinnen und Landwirte intensiver mit den ökologischen Prozessen und Wirkungsmechanismen auseinandersetzen, werden wir auf die Vorgabe detaillierter Massnahmen weitgehend verzichten und den Landwirtinnen und Landwirten mehr Eigenverantwortung übertragen können.

    Was wünschen Sie sich für das Projekt Labiola?
    Dass sich noch mehr Landwirtinnen und Landwirte über einen Schmetterling oder eine Feldlerche freuen, die sie dank ihrer Aufwertungsmassnahmen aus ihrer Wiese bzw. ihrem Acker auffliegen sehen. Dass die Wertschätzung für die von den Landwirtinnen und Landwirten erbrachten Biodiversitätsleistungen steigt. Dass sich Labiola als effektives und attraktives Programm weiterentwickelt.

    Interview: Corinne Remund